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DIE TRÄNEN EINES MANNES

 

 

Gibt es etwas Schlimmeres als einen weinenden Mann? – Für mich jedenfalls nicht! Zumal ich selbst nah am Wasser gebaut habe und immer gleich mit heulen muss. –

 

Aus den Augenwinkeln habe ich diesen Mann genau beobachtet, wie er auf die Parkbank regelrecht zu getorkelt ist und sich darauf hat fallen lassen, und anfangs habe ich noch geglaubt, er wäre betrunken, aber da sah ich die Tränen in seinen Augen, und er hat die Hände vors Gesicht geschlagen … und nun sitzt er da wie ein Häuflein Elend.

Ich registriere, dass er wohl noch einigermaßen jung ist, und er sieht wirklich gut aus. Was bringt ihn aber nur so zur Verzweiflung? Vielleicht ein Todesfall in der Familie?

Plötzlich zückt er sein Handy aus der Tasche, starrt darauf, tippt darauf herum, starrt wieder, schüttelt den Kopf und steckt es wieder weg. Erneut stützt er sein Gesicht in seine Hände und seine Ellenbogen auf seine Knie.

Das alles wirkt doch eher wie Ärger in einer Beziehung. Aber kann eine Frau einen Mann dermaßen aus der Fassung bringen, dass er ihretwegen weint??

Naja, wenn er sehr sensibel ist und nicht so ein grober Klotz wie mein Mann. Oh ja, Frust in der Ehe kenne ich nur allzu gut aus eigener schmerzlicher Erfahrung. Doch heute sind meine Tränen bereits versiegt, ich sitze hier nämlich schon eine ganze Weile. Ich musste einfach an die frische Luft, nach unserem heftigen, bösen Streit – wegen nichts und wieder nichts. Und dann bin ich gelaufen und gelaufen, bis zu dieser Parkbank, auf der ich schon eine geraume Zeit sitze und mich langsam wieder beruhigt habe.

Und dann taucht dieser unglückliche Mann auf, nimmt fast ungewollt meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch und lenkt mich so gewissermaßen von meinem eigenen Frust ab. ….

 

Es wird mir etwas zu anstrengend, ihn nur aus den Augenwinkeln zu beobachten und so wende ich ihm mein Gesicht voll und ganz zu. Er ist wirklich ein attraktiver Mann und scheint in einem Alter zu sein, wo man(n) Frau und Kinder hat, oder zumindest eine feste Beziehung.

Nun lehnt er sich zurück, legt die Arme locker auf die Rückenlehne der Bank, seinen Kopf in den Nacken, schließt die Augen und hält sein Gesicht in die Sonne. Jetzt wirkt er beinah zufrieden und entspannt.

 

Ach, wenn ich doch nicht so schüchtern wäre, würde ich mich zu ihm setzen und ihn ansprechen, um mich ein wenig mit ihm zu unterhalten, denn ich bin schon ziemlich neugierig. Eben hätte ich ihn am liebsten tröstend in den Arm genommen. Aber ob er das zugelassen hätte? Bestimmt nicht von einer Wildfremden!

Und nun, wo er da so entspannt sitzt, traue ich mich erst recht gar nicht mehr an ihn heran.

 

Da richtet er sich plötzlich auf, erhebt sich irgendwie resigniert von der Bank und schlendert langsam davon, mit hängenden Schultern.

Ich schaue ihm seufzend nach und drücke ihm in Gedanken die Daumen, dass sich alles wieder einrenkt, was ihn so aus der Bahn geworfen hat. …..

 

 

von Martina Hoblitz

Imprint

Text: eigener Text verfasst März 2019
Cover: by pixabay
Publication Date: 03-12-2019

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