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NUR EIN ONE-NIGHT-STAND?


 

von Martina Hoblitz

 

 

Von der Aufforderung meiner Freundin Sabine, sie zur Halloween-Party zu begleiten, war ich ganz und gar nicht begeistert, und zwar aus mehreren Gründen. Zu allererst hatte ich mich gerade nach knapp drei Jahren Beziehung von Mike getrennt, weil er es bei aller Liebe einfach nicht schaffte, mir treu zu bleiben. Schon erstaunlich, dass ich es überhaupt so lange mit ihm ausgehalten hatte. Zum Glück lehnte ich seinen mehrmaligen ziemlich halbherzigen Heiratsantrag immer wieder ab. Wahrscheinlich spürte ich tief im Innersten, dass ich sein permanentes Fremdgehen auf Dauer doch nicht ertragen würde? Jedenfalls gab ich ihm vor genau einer Woche endgültig den Laufpass, und meine liebe Freundin Sabsi nahm mich für den Übergang, bis ich eine eigene Wohnung finden würde, ohne Zögern bei sich auf.

 

Nun wollte sie unbedingt zu dieser Party, aber mir fehlte jegliche Lust dazu, vor allem weil ich genau wusste, dass Mike auch da sein würde. Und obwohl die Trennung ja vorrangig von mir ausging, hatte ich immer noch daran zu knabbern und könnte ihm wohl nicht einfach so unvoreingenommen begegnen.

Doch Sabsi wollte das nicht gelten lassen. „Mensch, Nora, du darfst dich nicht so in dein Schneckenhaus zurück ziehen! Gerade jetzt gehörst du unter Leute, um dich von deinem Trennungsschmerz abzulenken.“

Ihre Hobby-Psychologie machte mich irgendwie wütend, und ich protestierte: „Da ist gar kein Trennungsschmerz … im Gegenteil … pure Erleichterung. Trotzdem will ich Mike nicht jetzt schon wieder über den Weg laufen. Womöglich noch mit 'ner Neuen. Allein geht er bestimmt nicht zur Fete.“

Es sei denn, er will gerade dort 'ne Neue aufreißen.“ versuchte Sabsi zu scherzen.

Worüber ich natürlich gar nicht lachen konnte!

Plötzlich grinste meine Freundin und kam mit der saublöden Idee: „Am besten zahlst du es ihm mit gleicher Münze heim und flirtest hemmungslos auf Deubel komm raus!“

Ich zog nur die Augenbrauen hoch und schnaubte verächtlich. „Kindischer Blödsinn! So was hab ich nicht nötig. Wenn ich es drauf anlegen würde, finde ich im Handumdrehen 'nen Neuen.“

Na dann … was hindert dich?“

Ich hab vorerst die Schnauze dermaßen voll von den Kerlen!“ gestand ich freimütig.

Und das entsprach auch der Wahrheit! Was brächte mir das denn, wenn ich mich schon wieder auf einen Typen einließe?

Da meinte Sabsi: „Du sollst dir doch heute Abend nicht gleich einen zum Heiraten suchen. Nur ein bisschen flirten und deinen Marktwert testen.“

Sofort wehrte ich empört ab: „He, für einen One-Night-Stand bin ich mir zu schade und nicht zu haben!“

Das hab ich auch nicht behauptet. Du vielleicht nicht … aber ich bin nicht abgeneigt.“

Nun musste ich doch lachen. „Dann wünsch ich dir mal ein frohes Waidmann's Heil!“

Schon schmollte sie: „Du kommst also wirklich nicht mit?“

Ihrem treuherzigen Dackelblick konnte ich wahrhaftig nicht widerstehen.

 

So machten wir uns eine Dreiviertelstunde später zu Fuß auf den Weg zur Gemeindehalle, Sabine als sexy Hexe und ich als … Gespenst! Unter dem langen weißen Bettlaken, aus welchem nur mein weiß geschminktes Gesicht und meine Hände hervor schauten, konnte ich mich ganz normal mit Jeans und Shirt anziehen, ich war kein großer Fan von Verkleidungen.

 

Wir kamen rechtzeitig an, denn die Hallentore wurden gerade geöffnet, und wahre Menschenmassen strömten hinein. Diese Party war schließlich auch eins der wenigen großen Ereignisse in unserer kleinen ländlichen Gemeinde – neben Frühlingskirmes, Schützenfest und Weihnachtmarkt.

Sabine und ich ließen uns einfach mit dem Strom treiben, und ich amüsierte mich köstlich über die teilweise sehr fantasievollen Kostüme. Irgendwann verloren wir uns aber dann aus den Augen. So drängelte ich mich entschlossen durch bis zur Theke und ergatterte gerade noch einen der Barhocker ganz in der Ecke, auf den ich erleichtert kletterte. Beim Barkeeper – der war als Skelett verkleidet, obwohl er eine ganz schöne Wampe vor sich hertrug – bestellte ich einen bunten Cocktail, drehte mich um und beobachtete eine Weile das Gewusel auf der Tanzfläche.

Dort entdeckte ich auch wieder Sabine am Hals eines Grafen Dracula – na, das passte ja!

Als ich mich meinem Drink zuwandte und einen großen Schluck durch den dicken Strohhalm zog, schweifte mein Blick zur gegenüber liegenden Ecke der Theke. Dort saß ein Mann, der sich irgendwie trübsinnig an seinem Bierglas festhielt. Sein Kostüm schien nicht recht in dieses Monsterkabinett zu passen. Er trug einen engen grasgrünen Pullover, der seine beachtlichen Muskeln betonte, dazu eine ebenso enge grüne Hose, als Kragen eine Art Kranz aus roten Blättern, wie eine offene Blüte und auf dem Kopf wahrhaftig einen gelben Bommel – oder war das ein Tennisball?

Bei dem Anblick konnte ich mir jedenfalls ein breites Grinsen nicht verkneifen. Da trafen sich zufällig unsere Blicke, er grinste zurück, stand auf und bahnte sich seinen Weg zu mir. Herrjeh, was für ein Hüne, bestimmt über zwei Meter groß!

Langsam drehte ich mich zu ihm um, als er mich erreicht hatte und schaute fast bewundernd an diesem leckeren Mannsbild hoch. Auf mich herab blickend fragte er mit dunkler Bassstimme: „Lust zu tanzen?“

Statt einer Antwort entschlüpfte mir die Bemerkung: „Schickes Outfit!“

Mir tief in die Augen blickend erklärte er: „Ich bin eine fleischfressende Pflanze!“

Dann streckte er blitzartig seine Zunge heraus und machte mit ihr eine Bewegung, als wollte er mich genüsslich auflecken. Ich ließ mich dadurch nicht aus der Fassung bringen, sondern sprang vom Hocker und entgegnete lachend: „Na, da besteht für mich ja keine Gefahr, ich bin ja nur ein Geist.“

Meine Schlagfertigkeit schien ihm zu gefallen, er fasste mich wie besitzergreifend um die Taille und wollte mich zur Tanzfläche ziehen, doch ich rührte mich nicht vom Fleck, fragte ihn stattdessen erst mal: „Moment … ehe wir tanzen … Wie heißt du eigentlich? Ich bin Nora.“

Er lächelte auf mich herunter. „Ich heiß Florian.“

Nee, echt jetzt?“ zeigte ich mich verblüfft.

Florian bedeutet ''Der Blumenfreund“ und ich dachte in diesem Moment, er wollte mich verarschen.

Schnell versicherte er: „So heiß ich wirklich. Aber meinen Beruf verrat ich dir jetzt noch nicht, sonst glaubst du mir kein Wort mehr. – Wollen wir jetzt endlich tanzen?“

Ich blickte leicht verwundert zu ihm auf, nickte nur und ließ mich von ihm zur Tanzfläche führen. Es bereitete mir schon einige Schwierigkeiten, meine Arme um seinen Nacken zu schlingen, bei meinen knapp 1,70 m. Doch er hatte trotz des wallenden Lakens meinen Po ertastet und griff kräftig mit seinen ziemlich großen Händen zu. Dabei war es uns egal, was für Musik erklang, wir bewegten uns nur eng umschlungen auf der Stelle ein wenig hin und her. Und so recht gesprächig waren wir beide auch nicht.

Während ich mich an seine starke, muskulöse Brust schmiegte – bis zur Schulter reichte ich ja nicht – ließ ich meine Blicke schweifen, und so entdeckte ich ein ungeniert knutschendes Tanzpaar; Mike als Frankensteins Monster (passte ja irgendwie) mit einer üppigen Blondine in schwarzem Lack und Leder. Ich horchte angestrengt in mich hinein, ob sich da etwas regte, aber es rührte sich nicht das Geringste.

Dafür spürte ich deutlich die Erregung meines Tanzpartners, denn er presste mich so eng an sich, dass kein Blatt Papier mehr zwischen uns passte, und meine Nase atmete tief seinen männlich herben Duft ein. In diesem Moment raunte er mir leise zu: „Lass uns hier raus an die frische Luft gehen!“

Er löste unsere Umklammerung, packte mich an die Hand, und ich folgte ihm bereitwillig und wortlos durch die Hintertür hinaus. Auch draußen ließ er meine Hand nicht los, sondern führte mich zielstrebig zu der Brücke über den kleinen Bach, hinter dem sich der von einer Mauer umgebenen Friedhof befand. Als er das nicht verschlossene Tor öffnete, sagte er nur: „Komm, ich zeig dir mal, wo ich arbeite!“ und zog mich einfach weiter, quer über den Friedhof auf dem asphaltierten Hauptweg durch die Grabreihen, an der Kapelle vorbei, bis zu einem fest gemauerten Schuppen, wohl so eine Art Werkstatt.

Trotz der leicht unheimlichen Örtlichkeit war mir überhaupt nicht bange, so schnell bekam ich keine Angst. Erst jetzt ließ er mich los und machte sich am Schloss zu schaffen. Ich konnte es nicht richtig sehen, es wirkte beinah so, als würde er es aufbrechen, aber in Wahrheit hatte er einen Schlüssel, doch seine Hände zitterten vor Aufregung.

Dann standen wir in einem großen Raum mit vollen Regalen und Schränken an den Wänden, in der Mitte ein wuchtiger Holztisch, auf dem allerhand Werkzeuge herum lagen. In einer Ecke befand sich eine stabile Leiter, die durch eine Art Falltür nach oben führte, wie auf einen Heuboden.

Plötzlich wurde ich von hinten umarmt, und Florian erklärte lapidar: „Hier arbeite ich also … und oben drüber wohne ich.“

Ich drehte mich in seinem Arm um, schlang meine Arme wie eben beim Tanzen um seinen Nacken, sah ihm tief und eindringlich in die Augen und forderte ihn lächelnd auf: „Bevor du mich küsst, sag mir jetzt doch mal richtig, was dein Beruf ist!“

Florian grinste von einem Ohr zum anderen und sagte: „Ich hab grad den Posten von meinem Großvater übernommen. Der ist alt und krank und sitzt jetzt im Pflegeheim. Ich bin seit heute, mit Beginn des Monats der neue Friedhofsverwalter – und Gärtner.“

Und dann küsste er mich endlich!

 

 

ENDE

Imprint

Text: eigener Text verfasst Oktober 2019
Cover: by pixabay
Publication Date: 10-20-2019

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