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Kapitel 1

 

Ein leises, gleichmäßiges Piepsen durchquert meinen schmerzenden Kopf. Piep. Piep. Piep. Der nervige Ton erinnert mich ein wenig an die Arzt Serie Greys Anatomy. Die habe ich früher immer mit meiner Mutter angeschaut, als ich noch ein kleines Kind war. Langsam öffne ich meine trockenen und leicht verklebten Augen. Mein verschwommener Blick kreist durch das weiße Zimmer. Auf der Suche nach der Antwort, wo das Piepen herkommt, bleibt mein Blick am Fernseher hängen, wo gerade die Sondernachrichten abgespielt werden.

 

„Hallo und herzlich Willkommen bei den Sondernachrichten. Heute sehen Sie bei uns einen Fall, der viele von uns geschockt hat. Eine junge Frau im Alter von 20 hatte einen beinahe tödlichen Autounfall, wobei der Taxifahrer leider ums Leben kam. Die Frau kam mit schlimmen Kopfverletzungen ins Krankenhaus. Das war es erstmal mit den Sondernachrichten für Heute und wir melden uns wieder, wenn wir mehr über den tragischen Unfall wissen. Danke und ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.“

 

Jemand betritt das Zimmer. Eine Krankenschwester? Was mache ich in einem Krankenhaus?

„Schwester? Was mache ich hier?“

„Sie hatten einen Autounfall, aber Sie haben keinen Grund zur Sorge. Der Doktor kommt gleich und erzählt Ihnen genaueres.“ Während die Schwester mir alles erklärt, checkt Sie alle Geräte ab und verlässt dann den Raum. Ein Autounfall. Die Nachrichten. Ein Toter. Was ist nur an diesem Tag passiert und wieso erinnere ich mich nicht?

„Guten Tag Dornröschen, auch mal wach?“ der gutaussehende Arzt grinst mich frech an.

„Auch mal wach? Was soll das denn heißen?“

„Sie haben einen Tag lang geschlafen. Nichts Schlimmes.“

„Schön, dass Sie Humor haben, trotz meines Unfalls, von dem ich eben von heiterem Himmel erfahren musste.“

„Das tut mir leid, doch leider muss ich Ihnen noch etwas sagen. Sie wissen noch nicht alles von dem Unfall.“

„Was denn noch?“

„Wir haben bei Ihnen ein Problem in Ihrem Gedächtnis gefunden. Sie haben ihr Kurzzeitgedächtnis verloren. Es tut mir sehr leid.“ Nach diesen Worten verlässt der Doktor mein Zimmer, sodass ich wieder alleine bin. Mein Kopf schmerzt immer noch, nur diesmal da ich versuche, mich an etwas zu erinnern. An irgendetwas in letzter Zeit, doch vergeblich. Vorsichtig setzte ich mich auf das Bett und sehe eine Kiste mit einem Namen, meinem Namen. Sam. Barfuß tapse ich zu dem Karton und öffne ihn. Viel ist nicht drinnen, aber ein altes und zerkratztes Buch liegt ganz oben drauf. Vorsichtig nehme ich es in die Hand, vor Angst, dass es auseinander fällt. Leicht puste ich über die Buchoberfläche, um den Staub zu entfernen. Es ist wunderschön.

Kapitel 2

 

 Wie alt muss dieses Buch schon sein? Es sieht aus, als wäre es schon hunderte von Jahre alt. Meine zittrige Hand öffnet die erste Seite. Die Schrift ist ziemlich altmodisch, aber gefällt mir sehr.

 

Hallo Sam,                                                   11.02.19998

 

Ich weiß, dass du das Tagebuch erst lesen kannst, wenn du alt genug bist, aber trotzdem schreibe ich in die erste Seite. Im Moment bist du noch nicht einmal 1 Jahr alt. Du bist ein sehr schönes und glückliches Kind, doch leider wirst du mich nicht kennenlernen. Ich werde in den nächsten Tagen deine Mama und deinen Papa verlassen. Für immer. Wenn du älter bist wirst du es schon verstehen, keine Sorge. Selbstverständlich hoffe ich für dich, dass du auch ohne mich ein erfülltes Leben haben wirst. Ich werde über dich wachen und dich beschützen, mein kleiner Engel.

 

In Liebe

Deine Oma

 

Meine Oma. Sie ist also schon früh von uns gegangen. Was sie wohl hatte? Eine Krankheit? Krebs? Tumor? Ich werde es sowieso nie herausfinden. Zufällig schlage ich nach und nach ein paar Seiten auf und merke, dass dort mehrere verschiedene Schriften zu sehen sind. Wer hat denn alles in dieses Buch hinein geschrieben? Ohne es zu merken, stellt sich eine Krankenschwester an mein Bett. Ich höre, wie sie sich ein paar mal räuspert. Anscheinend steht sie dort schon etwas länger und ich war zu vertieft in das Tagebuch.

„Oh, sorry. Was ist denn los?“

„Eigentlich wollte ich Ihnen nur sagen, dass sich noch kein Familienangehöriger gemeldet hat, der Sie vermisst.“ Langsam dringen die Worte in meinem Kopf hinein. Niemand meldet sich. Die nächsten Worte der Schwester reißen mich aus meinen Gedanken.

„Suchen Sie sich doch ein paar Freunde in diesem Krankenhaus, damit Sie nicht so alleine sind. Hier sind viele, die wie Sie hier leben müssen. Bewegen Sie sich was.“ Für kurze Zeit sieht sie mich an, bis sie merkt, dass ich ihr nicht antworten möchte, und verlässt mein Zimmer. Klasse. Jetzt soll ich mir also auch noch ‘Freunde‘ suchen, damit wir unseren Leid teilen können, oder was? Naja, was soll ‘s. Wieso eigentlich nicht? Vielleicht fühle ich mich dann nicht mehr so alleine und langweile mich nicht so. Ich bin noch nicht mal einen Tag lang wach, und schon finde ich es total öde hier im Krankenhaus. Ich fühle mich falsch am Ort, ich sollte nicht hier sein. Ich wünschte, ich wüsste, warum ich in diesem Taxi saß.

Kapitel 3

 

 Ruhig stehe ich vor einem Spiegel und betrachte mich. Mein zerzaustes Haar, die blauen Flecken in meinem kantigen Gesicht, wo meine grün-blauen Augen nicht mehr zur Geltung kommen. Meine bleichen Arme und Beine sind mit vielen, kleinen Kratzern versehrt, die meinen Körpern zierlich und zerbrechlich wirken lassen. Lange schwarze Haare liebkosen das typische Hemd, dass jeder im Krankenhaus anhat.

„So kannst du nicht rumlaufen, Sam.“ Sag ich zu mir selbst und such meine normalen Klamotten. Das einzige was ich finde ist eine Leggins und einen langen Pullover. Da ich nichts anderes habe, streife ich mir die Sachen drüber und bewege mich langsam und unsicher in den Flur des großen Gebäudes. Ziellos blicke ich in den hellstrahlenden Flur, der mit Krankenschwestern und Patienten überfüllt ist. Wo soll ich jetzt hin? Ohne nach zu denken, gehen meine Beine von alleine los und betreten einen Fahrstuhl.

„Hey! Warte! Stopp den Fahrstuhl!“ wie ein Reflex strecke ich meinen Arm aus, sodass sich die Türen nicht schließen. Keuchend tritt ein großer Junge in den engen Fahrstuhl.

„Danke.“ Freundlich nicke ich ihm zu und starre ohne weiteres die Türe an. Ich merke, wie mich der Fremde ansieht. Sein ruhiger Blick verunsichert mich. Vorsichtig schaue ich zu ihm hoch. Fragend ziehe ich eine Augenbraue hoch.

„Ist was? Hab ich was auf meinem Kopf?“

„Was? Nein, nein! Ich überlege nur, ob du Patient oder Besucher bist, da ich dich noch nie hier gesehen habe.“

„Du kannst ja nicht jeden kennen, oder?“

„Naja, wie man ‘s nimmt. Ich bin schon so lange hier, dass ich jedes Gesicht kenne. Egal ob Besucher oder nicht.“

„Aha.“ Desinteressiert schaue ich wieder zur Türe, die sich öffnet und schließt, aber einfach nicht da ankommen will, wo ich möchte. Jeder, der den Fahrstuhl betritt, schaut kurz zu mir und den gutaussehenden Typ, nickt uns zu und ignoriert uns dann wieder. Meine Lust mit ihm zu reden hält sich in Grenzen. Endlich in meiner Etage angekommen, steige ich aus dem Fahrstuhl. Dies ist also der Ort, an dem sich Patienten aufhalten. Kein schöner Ort. Er ist leise, hell und kommt deshalb ausgestorben rüber. Ich solle mir Freunde suchen, sagt die Schwester. Verunsichert bewege ich mich auf einen Sessel zu, der noch frei ist. Mein Blick schweift im Raum umher. Hier möchte ich nicht sein. Man fühlt sich unwohl und verlassener als in seinem Krankenbett. Also stehe ich wieder auf, bewege mich in Richtung Fahrstuhl, wo ich wieder dem Jungen über den Weg laufe.

„Da sieht man sich wieder, Dornröschen.“ Was hat er gesagt?

„Wie hast du mich genannt?“

„So hat dich doch dein Arzt genannt.“ Frech grinst er mich von oben an.

„Richtig. Aber woher weißt du das?“

„Ich erzähle dir was von mir, wenn du mir was über dich erzählst.“ Sein grinsen kommt mir jetzt noch frecher als vorher vor.

„Lass stecken.“ Dies sind meine letzten Worte, bevor ich mich entschließe, die Treppen zu nutzen um wieder nach unten zu gelangen.

Kapitel 4

 

 Müde liege ich in meinem Patientenbett und starre die Uhr an. 21:47 Uhr. Ich beschließe mich aufs Ohr zu legen. Also lege ich mich so bequem ins Bett, wie es nur geht und schließe die Augen. Schneller als ich dachte falle ich in einen Tiefen schlaf. Anders als gedacht, träume ich nicht von meiner Familie oder ähnlichem. Nein. Träumen tue ich von dem Unbekannten. Wer ist er? Was macht er hier? Ist er zu allen so aufdringlich? Entschlossen entscheide ich mich, die Krankenschwestern nach ihm zu befragen.

 

Am Morgen werde ich sanft von den Schwestern geweckt. Nach dem Frühstück betritt der Doktor mein Zimmer und kontrolliert meine Werte.

„Wie geht es Ihnen?“

„Ganz gut…“ bevor ich weiter reden konnte, unterbricht er mich schon wieder mit der nächsten Frage.

„Können Sie sich an etwas aus ihrer Vergangenheit erinnern?“

„Nein.“ Nickend trägt er etwas in meine Dokumente ein.

„Gut. Wir werden heute ein paar Tests durchnehmen. Was genau werde ich Ihnen später noch genauer sagen.“

„Ist gut. Dürfte ich Sie etwas fragen?“

„Sicher. Wie lautet denn Ihre Frage?“

„Hier lief gestern so ein Typ durch das Krankenhaus. Wer ist er?“

„Ehm, Miss McCrime. Wissen Sie, wie viele Menschen durch dieses Krankenhaus laufen und wie viele Gesichter ich sehe? Da müssen Sie schon was genauer werden.“

„Er ist groß, hat Türkis, braunes Haar, ziemlich frech und meiner Meinung nach zu Gesprächig.“

„Ah. Ich weiß wen Sie meinen, aber leider darf ich Ihnen keine Auskunft über anderen Patienten mitteilen. Fragen Sie ihn doch selbst.“ Mit diesen Worten verlässt er mein Patientenzimmer, wo ich mal wieder alleine auf meinem Bett hocke. Er ist also auch ein Patient.

 

Solange ich noch nicht die Tests durchführen muss, gehe ich wieder in den Leblosen Gemeinschaftsraum. Wieder befinde ich mich auf den Sessel, auf den ich gestern für nicht mal eine Minute saß. Irgendwie fühle ich mich beobachtet, weshalb ich mich  unauffällig im Raum umschaue. Dort drüben. Da ist er wieder. Der bekannte Unbekannte. Und er schaut zu mir herüber. Was will er? Vielleicht sollte ich mit ihm sprechen? Auf einmal kommt er in meine Richtung. Habe ich ihn etwa länger angeguckt als ich dachte und auch wollte? Shit. Ich will lieber doch nicht mit ihm reden. Unsicher kaue ich auf meinen Fingernägeln herum.

 

Er steht vor mir und grinst mich wieder frech an. Langsam setzt er sich in den Sessel gegenüber von mir. Was er wohl will? Lange schaut er mich an, wodurch ich die Zeit habe, ihn zu mustern.

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Publication Date: 05-17-2015

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